Zwei Lehrerinnen aus El Salvador berichten über ihre mittelamerikanische Heimat

Größter Wunsch:

Ein Pick up für Schülerinnen

 

Zoila Esperanza Nunez de Gonzalez (links) und Reyna Elizabeth Murillo de Errillosberichteten in der Klasse 9c der Marienschule  (Foto : W. Plümpe)
XANTEN. In Ciudad Romero leitet sie eine Kindertagesstätte: Reyna Elizabeth Murillo de Errillos. In Amando López initiiert sie das „Früchteprojekt“ und leitet eine Grundschule: Zoila Esperanza Nunez de Gonzalez. Gestern besuchten die beiden Gäste aus El Salvador Xanten, informierten Schülerinnen der Marienschule (Klasse 9c) und zwei 12er Kurse des Stiftsgymnasiums, sahen sich in der Innenstadt und im Weltladen um, knüpften Kontakte zur Eine-Welt-Gruppe.

            Wesel, Kleve, Köln hatten die beiden Frauen aus Mittelamerika bereits während ihres 10-Tage-Programms kennen gelernt. Auch einige Firmen und Werkstätten hatten sie als Partnerinnen der Weseler Eine-Welt-Gruppe besichtigt. „Hier ist alles sehr fortschrittlich – in allen Aspekten“, fassten sie ihre Eindrücke zusammen. „Ohne Hilfe aus Deutschland sähe es in unseren Dorfgemeinschaften noch hoffnungsloser aus.“

            Dabei strahlten die beiden viel Optimismus und Lebenswillen aus, berichteten vom Alltag in ihrer Heimat, vom Leben und Glauben in ihrem vom Bürgerkrieg geschundenen Land, von der Solidarität unter schwierigsten Bedingungen. Klasse mit 50 Kindern? Der Durchschnitt an staatlichen Schulen. Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise? Täglich durch die steigenden Preise. Freizeitbeschäftigungen am Nachmittag? Erst muss den Eltern geholfen werden. Dann Fußball.

            Fast alle Kinder, die sie betreuen, stammen aus ärmsten Verhältnissen. Oft Flüchtlingsfamilien, die aus Honduras und Panama zurück gekehrt sind. „Einige Kinder haben in ihrem Leben noch nie ein Auto gesehen.“ Der Schulbesuch ist oft lückenhaft. Wohnungswechsel der Eltern (Saisonarbeiter in der Landwirtschaft) die Regel. Manche Väter zum Geldverdienen in den USA. Die Inflation schmälert die Kaufkraft der monatlichen Überweisungen.

            Und die Ausstattung der Schulen? „Bescheiden, wenig Unterrichtsmaterial, alles anders.“  Viele wiederholen eine Klasse, fangen immer wieder neu an – in dunklen Klassen mit wenig Platz. 7.30 Uhr bis 12 Uhr dauert der Unterricht. Manchmal ist er auch nachmittags. Fremdsprachen? Nur Englisch ab Klasse 7 oder 8. Religionsunterricht? Nur privat nach der Schule.

            Doch gibt es die ersten Computer-Zentren auch auf dem Land. Internet und Telefon setzen sich immer mehr durch. Witzig fanden Errillos und Gonzalez, dass in Deutschland Hunde an der Leine zum Spazierengehen ausgeführt werden. In ihrer Heimat toben sie zusammen mit Affen und Papageien ungestört herum. Gelegentlich zählen sogar Schlangen zu den Haustieren.

            Der typische Speiseplan sieht Reis und Mais vor, Bohnen, Käse, Hühnchen, tropische Früchte und die unverzichtbaren Tortillas. „Wie Brot in Deutschland.“  Immer wieder: Blick auf die Mitarbeit der Kinder in der Landwirtschaft und im Haushalt ihrer Eltern. Mal Kühe hüten, mal Zeitungen an den Straßen verkaufen. Auch „Haushaltshilfen“, Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren: keine Seltenheit in El Salvador.

            Schulpflicht? „Eigentlich ja, aber die Regierung unterstützt zu wenig.“ Schuluniform? „Eigentlich ja, vielleicht ab 2010.“ Die letzte Regierung hat sie abgeschafft, die nächste will sie wieder einführen. Samt „Schulpaket“ mit einer Grundausstattung auch an Schulbüchern für alle. Einige Informations-Splitter aus einem Land, in dem Bandenkriminalität und Drogenhandel an der Tagesordnung sind.

            Größter Wunsch von Gonzales: ein Pick up (Schulbus) zum Transport von weit entfernt wohnenden Schülerinnen. Sehnlichster Wunsch von Errillos:  weiter Unterstützung für das gesunde Schulfrühstück und –mittagessen. Beide Wünsche dürften in Erfüllung gehen.

Walter Plümpe, 21.09.2009

I n f o

Auch Kinderprostitution gehört zu den Krebsübeln in Es Salvador. Zusätzlich zur Bandenkriminalität und dem Drogenhandel.

Die rechtskonservative ARENA-Partei (Alianza Republicana Nacionalista de El Salvador) und die Opposition (die ehemalige Guerilla FMLN) sind im Parlament vertreten.

Alle Wirtschaftsdaten belegen eine große politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA.

Von den 7 Millionen Einwohnern kommen statistisch 320 Einwohner auf einen Quadratkilometer.

Es Salvador ist so groß wie Hessen und das kleinste der lateinamerikanischen Länder.

Etwa 90 Prozent der Bevölkerung zählen zu den Mestizen; 9 Prozent sind europäischer, 1 Prozent indigener Abstammung.

Fast die Hälfte der Bewohner El Salvadors lebt unter der Armutsgrenze.

Seit 1821 ist das Land unabhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Spanien.

Clemens Rueter aus Wesel, der ein Jahr in Lateinamerika verbracht hat, übersetzte aus dem Spanischen ins Deutsche und umgekehrt.

„Durch den Export von Kaffee, Kakao, Zucker und Baumwolle werden wir ausgebeutet.“ (beide Gäste aus El Salvador)

„Studieren an der Uni? Nur etwas für Reiche. In den ländlichen Gebieten muss schon ein Stipendium her.“ (Gonzalez)

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