Lidia hat Auschwitz überlebt

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Zeitzeugengespräch mit Lidia Maksymowicz

Von Maren Bergmann

Am Donnerstag, den 17.11.2016, besuchten wir in Krakau ein Museum, in dem eins Zeitzeugengespräch stattfand. Die Zeitzeugin war keine Jüdin, sondern kam ursprünglich aus Russland aus einer Partisanenfamilie. Dies war auch der Grund dafür, warum sie als dreijähriges Mädchen zwar nach Auschwitz verschleppt, aber nicht direkt in die Gaskammern geführt wurde. Als sie in den Raum kommt, bemerken wir alle gleich, dass sie eine unglaubliche Frau ist.

Sie strahlt eine Lebensfreude aus, ist höflich, freundlich und nett. Sie wirkt nicht so, als hätte sie eine schreckliche Kindheit in Auschwitz verbracht. Doch dann beginnt sie von ihrer Geschichte zu erzählen. Lidia hat als Kind zwar nicht alles wie ein Erwachsener einordnen können, aber dennoch kann sie sich an sehr viele Einzelheiten erinnern. Sie erzählt uns, dass man sich früher anpassen musste um zu überleben. Der Zaun des Lagers, der alles umzäunte, stand unter Starkstrom. In Viehwaggons fuhren sie direkt auf das Gelände. In den Baracken herrschte damals eine ganz andere Atmosphäre. Man war dort nur noch eine Nummer. Dort waren Angst, Hunger, Terror, Dreck und unhygienische Verhältnisse an der Tagesordnung. Ihr Blick auf die Hölle damals war noch schlimmer, sie war ein kleines Mädchen, das nicht verstand, warum ihre Mama nicht bei ihr sein durfte. Ein Jahr war ihre Welt beschränkt. Sie hatte Angst vor allem, der SS, den Ärzten, den Ratten und den Hunden. Sie sitzt auch heute noch immer nur auf der Stuhlkante, das hat sie sich seit ihrer KZ-Zeit angewöhnt. Sie ist immer bereit, um wegrennen zu können. Lidia ist damals aus der Sowjetunion mit ihrer Familie in Viehwaggons nach Auschwitz gekommen. Zuvor hatte ihr Dorf gebrannt, also mussten sie in den Wäldern kämpfen. Deutsche Männer nahmen sie fest und brachten sie ins Gefängnis. Schon dort mussten sie mehrere Wochen unter schwierigen Bedingungen im Gefängnis sitzen. Dann wurden alle zusammengepfercht und in mehreren Tagen bei minus zwanzig Grad irgendwo hin gebracht. Sie hatten kein Wasser, kein Essen, keine Toilette und geschweige denn Platz. Als die Tore des Wagons aufgerissen wurden, wussten sie, dass sie an einem grässlichen Ort gelandet waren. Im Dunkeln standen ihnen nun Soldaten mit Gewehren und bellenden Hunden gegenüber. Verdreckt und unfähig, die Sprache der ihnen zugebrüllten Befehle zu verstehen, wurden die Menschen aus den Waggons in zwei Gruppen aufgeteilt. Diese Selektion war die Entscheidung über Leben und Tod. Lidia kam auf die Seite des Lebens, doch ihre Großeltern nicht. Es konnte sich niemand auflehnen, da alle müde, hungrig und einfach nur fertig waren. Zunächst kamen sie dann in eine Baracke im Frauenlager in die Quarantäne. Hier mussten sich alle Erwachsenen ausziehen und alles, was sie besaßen, abgeben. Dann wurden ihnen ihre Haare bis auf die nackte Kopfhaut kurzgeschoren, bevor sie duschen mussten und mit eiskaltem Wasser überschüttet wurden. Die zurückgebliebene Lidia hat ihre Mutter nicht mehr wieder erkannt. Sie bekamen dann die Häftlingskleidung ohne Unterwäsche und bekamen eine Häftlingsnummer auf den Arm tötowiert. Auch Frau Maksymowicz zeigt uns ihre Nummer, die es ihr unmöglich macht, Auschwitz zu vergessen – was natürlich auch sonst niemals funktionieren kann. Auschwitz vergisst man nicht! Während des Gesprächs fasst sie sich oft an die Nummer, so als wäre es eine schmerzende Wunde. Sie fühlte sich später, als sie dann aufwuchs den anderen Kindern, mit denen sie spielte, gegenüber gebrandmarkt. Nach dem Tätowieren wurden die Kinder schließlich mit größter Brutalität von ihren Müttern getrennt. „Wir Kinder waren völlig hilflos. Diese gewaltsame Trennung wurde von deutschen Häftlingsfrauen, krimi-nellen Deutschen ohne Moral durchgeführt. Wir kamen dann in eine Baracke und mussten auf den Prit-schen mit dünnem dreckigen Stroh und einer Decke voller Ungeziefer schlafen. Es war alles stockdunkel, es stank man konnte sich nicht waschen und nirgendwo zur Toilette gehen“, schildert Lidia ihre traurigen Erlebnisse. Der Winter war streng und sie bekamen als Kinder keine Bevorzugung. Morgens bekam man ein altes Stück Brot und wenn man einen Napf hatte, bekam man mittags Suppe. Der Hunger war unvorstellbar groß. Jedes Kind war krank, hatte Durchfall und Bauchweh. Wegen des Durchfalls wurden sie gezwungen, mehrere Stunden auf einem Eimer zu sitzen. Es gab einen Blockältesten, der für Ordnung sorgte. Man musste Tag und Nacht auf der Pritsche oder dem Eimer sitzen. Lidia und die anderen Kinder entwickelten langsam das Waisenhaussyndrom. Sie redeten nicht, wippten langsam mit dem Körper vor und zurück. Doch sie hatten schnell verstanden, wie sie überleben konnten. „Man musste die Älteren oder die, die schon länger im Lager waren, nachahmen und die Lagersprache verstehen. Man musste einfach unsichtbar werden“, berichtet uns Lidia. Im Lager gab es keine Freundschaft oder Solidarität. Man hat anderen das Brot entrissen. „Aber die größte Gefahr waren Männer in schicker Uniform, die SS oder SS-Ärzte mit weißem Kittel. Dr. Josef Mengele war am gefürchtetsten. Wir haben dann versucht, uns in der untersten Etage der Pritsche zu verstecken, wenn sie kamen. Ich habe immer nur die schwarzen glänzenden Stiefel gesehen“, erzählt uns Lidia. Keines der Kinder in der Baracke wollte zu Experimenten mitgenommen werden. Doch auch Frau Maksymowicz wurde zu Experimenten mitgenommen. Man hat den Kindern dann Blut abgenommen, um schließlich Salzlösungen zu injizieren. Ebenfalls wurden ihr und den anderen Kindern Bakterien injiziert und Augentropfen, die die Augen blau machen sollten, wurden ihr eingetropft. Der Körper der Kinder war später übersät mit eitrigen Wunden, sie hatten Fieber und die Augen eiterten so, dass sie mehrere Tage nichts sehen konnten und manche sogar blind wurden. Die Sterberate war sehr hoch, so dass das Sterben völlig alltäglich wurde. Manche Kinder kamen auch nicht mehr von den Experimenten zurück, weil sie mit einer Giftspritze ins Herz getötet wurden. Auch schwangere Frauen kamen in der Kinderbaracke unter. Wurden die Babys geboren, wurden ihnen diese weggenommen und mit Venol ins Herz getötet oder in einem Wassereimer ertränkt. „Wir Kinder haben dann die Muttermilch bekommen, die uns schließlich das Leben gerettet hat. Wenn wir kräftig genug waren, mussten wir zum Morgenapell. Vor uns wurden tote Kinder in Karren geworfen und zum Krematorium gebracht“, erzählt uns Lidia weiter. Sie hat fast ein Jahr überlebt und so fanden Historiker heraus, dass sie das Kind ist, das in Auschwitz am längsten überlebt hat. Ihre Mutter war eine junge kräftige Frau, so dass sie in ein Außenkommando gesteckt wurde, bei dem sie Essensreste, die Polen für die Häftlinge im Straßengraben versteckten, ins Lager schmuggeln konnte. Doch Lidias Mutter aß das Brot nicht selbst, sondern brachte es auf allen Vieren und unter Lebensgefahr zu ihrer Tochter. „Das Bild der Hände meiner Mutter mit dem Essen werde ich nicht mehr vergessen. Es hat sich mir so eingeprägt, dass ich später nicht mehr wusste, wie das Gesicht meiner Mutter aussah“, so Lidia. Es kam etwa zu der Zeit eine Pfadfindergruppe junger Mädchen ins Lager, die sich ein bisschen um die Kinder gekümmert haben und ihnen den Tag verschönerten. Die Kinder hatten keine Spielsachen, weswegen die Mädchen ihnen Gebete und Lieder beibrachten. Doch dies hielt alles nicht lange an. Die Rote Armee rückte an. Die Kinder hörten Explosionen. Ein Krematorium und seine Gaskammer wurden gesprengt und dann fand die endgültige Evakuierung des Lagers in andere Lager statt. Da zu wenige Waggons vorhanden waren, wurden die Gefangenen auf so genannten Todesmärsche 60 km bei Eiseskälte durch Schlesien getrieben und schließlich auf offene Kohlewaggons geladen, um sie in andere Lager zu verbringen. Lidias Mutter wurde auch mit einem Todesmarsch weggebracht. Dann kehrte eine unbekannte Ruhe im Lager ein. Man hatte die ganzen Kinder einfach sich selbst überlassen. Die Rote Armee kam dann in das Lager und hat es befreit. Die Kinder bekamen Brot, Kaffee und Milch. Schließlich kamen auch Zivilisten ins Lager, die erschrocken über alles waren. Sie sahen neben den Baracken zum Beispiel angebrannte Leichenhaufen, deren Spuren die SS verwischen wollte, was ihnen jedoch nicht ganz gelungen war. Einige Kinder wurden dann schließlich von Zivilisten mitgenommen. Auch Lidia kam in eine Wohnung polnischer Menschen. Sie erzählt uns, dass sie zum ersten Mal eine Badewanne und ein Bett mit Bettwäsche gesehen hatte. „Oft fragte ich meine Adoptiveltern, ob mich hier Hunde, Ratten oder Doktor Josef Mengele finden würden. Ich kannte die einfachsten Alltagsgegenstände nicht und war dann ein halbes Jahr krank. Später habe ich dann auch mit Nachbarskindern gespielt, aber ich hatte ausschließlich Erinnerungen aus dem KZ und spielte mit den anderen Kindern Appell oder Selektion. Ich empfand auch nichts, wenn jemand anders weinte. Ich wollte auch nicht, dass man andere gut behandelte“, berichtet Lidia. Frau Maksymowicz hatte sich verboten, an ihre leibliche Mutter zu denken und wurde schließlich von einer polnischen Familie adoptiert. „Ich habe dann ein fiktives Geburtsdatum und einen neuen Namen bekommen, meine Nummer habe ich mit Pflastern überklebt, weil ich mich minderwertig gefühlt habe und nicht daran zurückdenken wollte, wie es im Lager war.“ Am Ende dieser schrecklichen Geschichte lacht Lidia wieder und erzählt uns, dass sie nach der Befreiung aus dem KZ Auschwitz-Birkenau einen Kinderwagen mit Puppe bekommen habe. „Doch statt damit spazieren zu gehen, warf ich die Puppe heraus und setzte mich selber hinein, um den Berg hinunter zu fahren – ich wusste nicht, wie man spielt!“ Für uns etwas absolut Unvorstellbares, da heute jeder weiß, was man mit einem Kinderwagen macht. Auch wenn wir in dem Moment alle gelacht haben, ist es im Nachhinein nicht mehr so lustig, zu mindestens für mich. Doch an der Stelle war die Geschichte von Lidia Maksymowicz noch nicht ganz zu Ende. Ihre Mutter hatte den Todesmarsch überlebt und wurde von der US-Armee befreit. Nach 18 Jahren hat sie dann ihre Mutter wiedergefunden und sich mit ihr getroffen. Lidias Mutter hatte sehr lange nach ihr gesucht und die Hoffnung nie aufgegeben. Jedes Jahr an Lidias Geburtstag hatte die Mutter einen Kuchen gebacken und eine Sektflasche geöffnet, weil sie in sich spürte, dass ihr Kind noch lebte. Als sie sich wiedertrafen, wurden die Medien informiert und es wurde ein Film gedreht. Das Interesse an der Geschichte war groß, weil sich viele Familien aus der KZ Zeit suchten. Bei dem Wiedersehen standen sehr viele Menschen am Bahnhof. Lidias Mutter wollte, dass Lidia bei ihr blieb, doch sie ging zurück nach Polen, weil sie sich ihren Adoptiveltern verpflichtet fühlte. Solange Lidia noch lebt, möchte sie, dass man der Opfer gedenkt. Wir sollen zu schätzen wissen, was wir haben und uns unsere Wünsche erfüllen. Sie dankt uns für unsere Geduld und Ruhe. Da endete die unglaubliche Geschichte von Lidia Maksymowicz. Jeder von uns ist so überwältigt. Diese Frau ist so stark. Sie ist eine Überlebende, die ein ganzes schreckli-ches Jahr in Auschwitz mit Hunger, Dreck und Not überlebt hat. Niemand von uns weiß, was er sagen sollt. Unsere Gruppe bedankt sich ganz herzlich bei ihr und übergibt ihr noch ein Geschenk. Wir machten noch ein Gruppenfoto mit ihr, auf dem sie strahlend lächelt. Ich werde sie nie wieder vergessen und ich glaube, so geht es den anderen auch.